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© Stefan Neeve
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In einer ausführlichen Monografie berichtet der Gießener Frauenarzt F. A. Kehrer (1876) über "Die Hämophilie beim
weiblichen Geschlechte". Die Befunde der von ihm untersuchten Familien sprechen für das Vorliegen einer von der
Hämophilie abgrenzbaren Blutungsneigung. Es war das Verdienst des finnischen Internisten Erik Adolf von Willebrand,
dieses neue Krankheitsbild am Beispiel einer Bluterfamilie von den Åland-Inseln als kombinierten Defekt aus Vasopathie
und Thrombopathie unter dem Namen "Hereditäre Pseudohämophilie" beschrieben zu haben (1926, Abb. 2). Mit diesem
Namen wies er auf die, im Gegensatz zur Hämophilie, verlängerte Blutungszeit und den offensichtlich autosomalen Erbgang
hin. Zusammen mit dem Leipziger Hämatologen Jürgens führte von Willebrand umfangreiche genetische und
hämostaseologische Untersuchungen auf den Åland-Inseln durch. Hierauf begründet sich die in Deutschland noch übliche
Bezeichnung von Willebrand-Jürgens-Syndrom.
Mit der Zeit wurde klar, daß diese Form, die im internationalen Sprachgebrauch den Namen von Willebrand-Syndrom (VWS)
erhielt, die häufigste hereditäre hämorrhagische Diathese ist, allerdings mit erheblicher Variabilität des klinischen
Erscheinungsbildes. Dies kommt auch durch die früher gebrauchten unterschiedlichen Bezeichnungen wie
Pseudohämophilie, Thrombopathie von Willebrand-Jürgens und Angiohämophilie zum Ausdruck.
Die 1953 von Alexander und Goldstein berichtete Assoziation zwischen verlängerter Blutungszeit und erniedrigtem Faktor
VIII im Plasma einiger VWS-Patienten betonte die Gemeinsamkeiten zwischen Hämophilie A und VWS. FVIII schien somit
zur Differenzierung eher nicht geeignet.
Nilsson und Kollegen demonstrierten 1959 die Wirksamkeit der Infusion von Cohn-Fraktion I-O durch Verkürzung der
Blutungszeit bei Patienten mit VWS, und Cornu et al. (1963) beobachteten, daß Plasma, sogar von Patienten mit
Hämophilie, ebenfalls die verlängerte Blutungszeit der VWS-Patienten korrigieren konnte, während dies umgekehrt nicht
möglich war. Man schloß hieraus auf die Existenz eines "bleeding time correcting factors" der 1971 von Zimmerman und
Kollegen immunologisch nachgewiesen werden konnte. Wegen seiner Assoziation mit FVIII wurde er auch FVIIIassoziiertes
Antigen genannt.
Heute wissen wir, daß es sich um ein eigenständiges Protein, den von-Willebrand-Faktor (VWF) handelt, daß FVIII und VWF
von verschiedenen Genen auf unterschiedlichen Chromosomen codiert werden und als Komplex im Plasma zirkulieren.
Dabei ist der VWF als "großer Bruder" des FVIII zu betrachten, da er diesen vor einem vorzeitigen proteolytischen Abbau in
der Zirkulation schützt. Mit dieser Funktion erklärt sich auch der bei vielen VWS-Patienten beobachtete FVIII-Mangel.